Umweltzone: Warum gibt es sie in Darmstadt nicht?

8. Juni 2009

Umweltplakette
Frankfurt hat sie, Mannheim hat sie und auch in Heidelberg ist sie geplant – die Umweltzone. München, Köln, Düsseldorf, Berlin, Stuttgart, Kassel, Dresden Freiburg und viele andere Großstädte in Deutschland haben ebenfalls Umweltzonen eingerichtet.

Als die Umweltzone zum 1. Oktober 2008 auch in Frankfurt eingeführt wurde, war der Run auf die Umweltplaketten vom TÜV groß. Jeder wollte sein Auto vorsichtshalber mit dem grünen, gelben oder roten Aufkleber ausstatten, um sich auch in Zukunft mit dem PKW innerhalb der Umweltzonen bewegen zu dürfen.

Aber auch in Darmstadt wird viel über Feinstaub, den verbotenen LKW-Durchgangsverkehr, zu hohe Schadstoffbelastung durch Autoabgase und den Bau der gigantisch teuren Nordostumgehung gesprochen. Aber eine Umweltzone wurde noch nicht eingeführt. Warum eigentlich nicht?

  1. 2009 Juni 10
    Thorsten permalink

    Vermutlich, weil selbst die Politiker inzwischen eingesehen haben, dass die Umweltzonen nichts bringen (http://www.focus.de/auto/news/adac-umweltzone-wirkungslos_aid_403809.html). Wozu sollte man sich also die Mühe machen?

  2. 2009 Juni 10
    ilka permalink

    muss man denn alle ungereimtheiten nachmachen?

  3. 2009 Juni 11
    JamesD permalink

    Thanks for the useful info. It’s so interesting

  4. 2009 Juni 12

    @thorsten und @ilka: Tja, wenn das so einfach wäre mit dem Feinstaub…!!
    Leider ist es das aber nicht.

    Der ADAC und Focus mögen ja, was die quantitative Menge des Feinstaubs angeht, recht haben.
    De facto wird nicht immer die Menge an Feinstaub durch
    die Einrichtung einer Umweltzone reduziert.

    Allerdings ist die Reduzierung der Feinstaubmenge, also der Quantität,
    auch nicht unbedingt der wichtigste Grund, warum Umweltzonen eingerichtet werden.
    Die beiden Hauptgründe dafür sind:

    1.) Staub ist nicht gleich Staub. Der Hausstaub bei dir zu Hause ist von der chemischen Zusammensetzung ganz anders als der Staub, der entlang stark befahrener Straßen auftritt.

    Und da, nämlich in der Qualität, liegt das Problem:
    Während Hausstaub meist nur wenige gesundheitsschädliche Inhaltsstoffe enthält, z.B. Fasern, Hautschuppen, Staubmilen, Holzpartikel, Schimmelpilze,
    sieht es bei “Staßenstaub” ganz anders aus:

    Rußpartikel aus Dieselabgasen, Partikel aus Heizungen, Reifen-, Straßenbelag-, Brems- und Metallabrieb stellen neben Sand (Quarz), organischen Materialien (z.B. durch zerriebene Blätter von Bäumen) und Meersalzpartikeln einen großen Anteil des “Straßenstaubs”.

    Und insbesondere die kleinen Rußpartikel aus Dieselabgasen und Heizöl-Heizungen sind stark gesundheitsgefährdend:
    Sie sind nämlich so klein, dass sie ungehindert in die tiefsten “Winkel” der Lunge vordringen können und können sogar in den Blutkreislauf gelangen, da sie mitunter klein genug für den Gasaustausch, der in der Lunge stattfindet, sind.

    Dummerweise können diese Partikel auch nicht besonders gut von weißen Blutkörperchen abgebaut werden, sodass bei einer ständigen Exposition,
    also einem ständigen Aussetzen gegenüber den Partikeln, eine Anreicherung (Akkumulation) im Körper stattfindet.

    Zudem weisen sich die kleinen Rußpartikel noch dadurch aus, dass sie sehr reaktiv mit bestimmten Stoffen sind, z.B. flüchtigen organischen Verbindungen,
    also Lösemittel etc.
    Die können nämlich mit ihren Molekülen schön an der Oberfläche der Rußpartikel anhaften und werden dann von uns miteingeatmet.

    Auch die Partikel, die beim Abrieb von Reifen, Straßenbelag, Bremsen und der Kupplung entstehen, sind ähnlich gesundheitsgefährdend, da die Inhaltsstoffe, die zur Herstellung von Reifen, Straßenbelag, Bremsen etc. verwendet werden, nicht ganz unproblematisch sind.

    Gesund ist das alles nicht, daher haben sich ein paar schlaue Leute die Umweltzone ausgedacht.
    Einige Autofahrer mögen sich zwar gegängelt fühlen, aber der Schutz der Bevölkerung, insbesondere der Leute, die an oder in der Nähe stark belasteter Straßen wohnen und arbeiten, hat absoluten Vorrang !

    2.) Neben dem Feinstaub gibt es noch andere gesundheitsgefährdende Stoffe, die vor allem durch Autoabgase emittiert (freigesetzt) werden.
    Ozon gehört beispielsweise dazu und auch noch Stickstoffoxide, kurz NOx.
    Stickstoffmonoxid (NO) und Stickstoffdioxed (NO2) sind Vorläufersubstanzen für die Bildung von Ozon und zudem auch noch selbst ziemlich gesundheitsschädlich.
    Vor allem für Kinder, ältere Menschen, Kranke (z.B. Asthmatiker) und Schwangere sind NOx gesundheitsschädlich.

    Der Europäischen Kommission ist das auch nicht entgangen, sodass sehr wahrscheinlich in absehbarer Zeit eine neue Richtlinie zur Begrenzung des NOx-Ausstoßes bei KFZ und Nutzfahrzeugen kommt.
    Auch dahingehend wurden die Umweltzonen eingerichtet, da moderne Dieselfahrzeuge mit Direkteinspritzung und gutem (!) Rußfilter weniger Stickoxide ausstoßen als alte “Diesel-Stinker”.

    Mit einem konsequenten Aussperren alter Dieselfahrzeuge aus den Innenstädten ist also definitiv etwas für den Schutz der Gesundheit getan.

    Ich arbeite im Bereich der Luftreinhaltung und bin es wirklich, mit Verlaub gesagt, leid, dass die Medien immer nur über die ach so “wirkungslose” Umweltzone berichten, aber den ganzen Hintergrund dazu einfach ausblenden.
    Noch mehr nervt es mich, wenn dann Hinz und Kunz bzw. Otto Normalverbraucher meint, nach Lektüre der einschlägigen Presseberichte
    ein “Experte” für das Thema zu sein und sich dann darüber auslässt.

    Zugegeben, das Thema ist nicht ganz einfach zu verstehen, aber ich hoffe,
    ich konnte euch einen kleinen Einblick liefern.
    Falls ihr wissenschaftlich interessiert seid, könnt ihr viel Lesestoff in solchen Publikationen wie “Atmospheric Environment” oder “Air Quality, Atmosphere and Health” finden (müsste in der Bib der TU Darmstadt vorhanden sein).

    Oder einfach mal bei der Europäischen Kommission vorbeisurfen; die Generaldirektion Umwelt befasst sich sehr viel mit Luftreinhaltung
    (Stichwörter zur Suche: Feinstaub, PM10, particulate matter, aersols, Aerosole, Partikel).

    anne

    P.S.: Ob Hausstaub gesundheitsschädlich ist, oder nicht, betrifft jede Person individuell.
    P.P.S.: Nein, ich würde definitiv NICHT als Fußgänger an der Hügelstraße entlang laufen, wenn ich es nicht muss.

  5. 2009 Dezember 27
    Bernd permalink

    Mal ganz ehrlich: Alles, was derzeit politisch veranstaltet wird, ist letztlich der Unterstützung der Wirtschaft geschuldet und hat mit dem Schutz der Umwelt wenig bis gar nichts zu tun.
    Die Lungengängigkeit und damit Gesundheitsschädlichkeit der besonders kleinen Rußpartikel müsste beispielsweise zu einer steuerlichen Bevorzugung alter “Diesel-Stinker” mit Vorkammer-Saugmotoren gegenüber den modernen Kraftfahrzeugen mit Direkteinspritzer-Motoren (CDI…) führen, da letztere in diesem Zusammenhang eine wesentlich höhere Umweltgefährdung darstellen.
    Auch die Abwrack- bzw. “Umwelt-Prämie” schadet in Wahrheit der Umwelt: Die Reduzierung des Kohlendioxid-Ausstoßes, mit der sie begründet wird, ist nämlich de facto auf diesem Weg nicht zu erreichen: Es gibt mehrere wissenschaftlich fundierte Studien, nach denen die Verlängerung eines Autolebens einem “Abwracken und Neubauen” in puncto Kohlendioxid-Bilanz deutlich überlegen ist. Bei der Entsorgung und insbesondere der Herstellung eines Kraftfahrzeugs wird so viel Kohlendioxid erzeugt, dass die Weiterbenutzung desselben – selbst im Falle eines deutlich höheren Kraftstoff-Bedarfs des Altautos – im Hinblick auf den Treibhaus-Effekt viel günstiger ist.
    Da nicht bestritten werden kann, dass sich mit dem Bau besonders langlebiger Kraftfahrzeuge erheblich weniger Geld verdienen lässt, ist die Förderung der “Wegwerf-Mentalität” durchaus politisch zu legitimieren; dies mit dem Argument der Umwelt-Entlastung zu begründen, grenzt jedoch an “Volks-Verdummung”!

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